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Wohnraumlüftung im Geschosswohnungsbau – DW 09/2013

Moderne Lüftungssysteme für energieoptimierte Wohnanlagen. Wohnraumlüftung im Geschosswohnungsbau.

Wohnungsunternehmen, die Niedrigenergie- und Passivhausprojekte umsetzen, müssen sich zwangsläufig Gedanken über einen kontrollierten Luftwechsel machen. Neben einer zuverlässigen Funktionsweise sollte das Lüftungssystem eine möglichst lange Lebensdauer haben, niedrige Betriebskosten verursachen, den Wohnkomfort der Mieter sicherstellen sowie einfach zu warten und zu überwachen sein. Beispiele aus Frankfurt und Zürich.

Früher wohnten an der Hansa Allee im Frankfurter Westend die Arbeiter der Hoechst AG. Heute stehen auf dem fast 14.000 m2 großen Areal sieben modern ausgestattete 5- bis 7-geschossige Wohngebäude. Das kommunale Wohnungsunternehmen Frankfurts, die ABG Frankfurt Holding, hat das Ensemble als Modell für generationenübergreifendes Wohnen entwickelt. Das gesamte Quartier haben die Planer nach dem Passivhausstandard konzipiert: Der jährliche Heizwärmebedarf durfte 15 kWh/m2 nicht überschreiten. Die Optimierung des Energieverbrauchs erfolgt im Wesentlichen durch eine hochwertige Dämmung der thermischen Hülle, Fenster mit Dreifachverglasung sowie dichter Bauweise. Daneben sorgt ein System aus Erdsonden und Sole-/Wasser- Wärmepumpen über die Fußbodenheizung im Winter für zusätzliche Wärme. Auch “etwas” weiter im Süden, in Zürich, hat die Migros Pensionskasse Wohnungen bauen lassen, die ebenfalls einen optimierten Energieverbrauch aufweisen. Im Stadtteil Affoltern ist am Bach­mannweg eine 4-geschossige Neubausiedlung mit insgesamt 120 Wohneinheiten entstanden, die den Schweizer Minergie-Standard erfüllt. Dahinter verbirgt sich ein freiwilliger Qualitätsstandard für energetisch optimierte Gebäude, die in der Schweiz auch als Niedrigenergiehäuser bezeichnet werden. Dieser Standard sieht u.a. vor, dass der Heizwärmebedarf unter 90% der gesetzlichen Vorgaben gemäss SIA 380/1 liegt bzw. dass er nach Einsparung durch Lüftungs-Wärmerückgewinnung 38 kWh/m2 nicht überschreiten darf.

Frische Luft für dichte Häuser

Die Entscheidung für einen Neubau nach dem Passivhaus- bzw. Minergie-Standard erfordert spezielle bauliche Lösungen und stellt besondere Anforderungen an das Lüftungssystem. Trotz dichter Gebäudehülle gilt es, einen ganzjährig kontrollierbaren Luftwechsel sicherzustellen. Zudem stellen Bauherren bzw. Wohnungsvermieter ganz praktische Ansprüche an das Lüftungskonzept: Es soll einfach zu warten sein, niedrige Betriebskosten verursachen, eine lange Lebensdauer haben und den Bewohnern eine möglichst hohe Wohnqualität bieten. Die Bauherren beider Projekte entschieden sich schließlich für ein neuartiges Lüftungssystem. Die in der Schweiz entwickelte und patentierte Technik hatte sich bereits in zahlreichen Wohnbauprojekten in der Alpenrepublik als eine zuverlässige Lösung bewährt. Auch im Passivhausprojekt Campo der ABG Frankfurt am Bornheimer Depot sorgt die Technologie seit 2009 in über 140 Wohneinheiten für ein gutes Raumklima.

Hoher Wärmerückgewinnungsgrad

Das in Deutschland von dem schwäbischen Lüftungsspezialisten Schrag und in der Schweiz von dem Systemanbieter FRIAP vertriebene „airModul” vereint Vorteile zentraler und dezentraler Lüftungssysteme für mehrgeschossige Wohngebäude: Statt Kleingeräte in den Wohnungen zu platzieren, wird eine zentrale Einheit auf dem Dach installiert. Die Luftführung erfolgt jedoch – ähnlich wie bei einer Kaminlüftung – für jede Einheit getrennt über einen eigenen, in einem vertikalen Schacht platzierten Kanalwärmetauscher aus Aluminium, der in einer jeweils eigenen Dachzentrale endet. Jede Wohnung verfügt damit über ihr eigenes unabhängiges Lüftungssystem. Der Bewohner kann es dezentral, also individuell seinem Nutzungsverhalten entsprechend, steuern. Zugleich erhältjede Wohneinheit ihr eigenes Wärmerückgewinnungssystem; Vorteil: Die Heizkosten sinken nachhaltig. Die Wärmetauscher aus Aluminium besitzen zwei luftführende Kammern für Fort- und Frischluft. Beide sind durch eine dritte Kammer getrennt.

Diese „neutrale Zone” sorgt für die Wärmeübertragung der herausströmenden an die hereinströmende Luft. Im Rahmen eines Labortests hat das Zentrum für Integrale Gebäudetechnik an der Hochschule Luzern im April 2009 nachgewiesen, dass das Gesamtlüftungssystem immer einen optimalen Wärmerückgewinnungsgrad von über 80% erzielt. Die Hochschule Luzern ist eine akkreditierte Prüfstelle für Heizung, Lüftung, Klima.

Einfache Wartung

In Frankfurt und Zürich wurden die Lüftungssysteme modulweise eingebaut, was den Montageaufwand und später im Betrieb auch den Aufwand für Wartungsarbeiten sowie für regelmäßige (im Durchschnitt halbjährlich stattfindende) Filterwechsel verringert. Die Installation auf dem Dach vermeidet vor allem die aufwändigen Terminabsprachen mit den Mietern. Zusätzliches Einsparpotenzial ergibt sich für Wohnungsunternehmen durch die lange Lebensdauer des Kanalwärmetauschers. Aufgrund seiner massiven Bauweise und seiner Größe muss er in der Regel während der durchschnittlichen Nutzungsdauer eines Gebäudes nicht ausgetauscht werden. Da Kleingeräte und Steuerungsanlagen für die Lüftung nicht mehr in den Wohnräumen untergebracht sind, unterbleiben die für die Bewohner oftmals störenden Geräusche der Lüftungsanlagen. Mieter oder Eigentümer haben zudem mehr Platz in ihren Wohnungen.

Optimierung

Wurde im Frankfurter Stadtquartier noch die damals übliche Steuerung mit drei Lüftungsstufen installiert, lassen sich die Stufen neuerdings im Rahmen eines Wochenprogramms individuell auf die persönliche Lebenssituation der Bewohner einstellen. Zusätzlich einbaubare Feuchtefühler bewirken, dass der Luftaustausch bei besonderen Umständen automatisch hochgefahren wird – etwa nach dem Duschen im Bad. Die gesamte Anlage kann der Bewohner heute außerdem auch mithilfe eines handelsüblichen Smartphones oder Laptops bedienen. Ein in die Steuerung eingebauter Betriebsstundenzähler zeichnet die Laufzeit jeder Lüftungsstufe exakt auf und liefert dem Betreiber den Nachweis, dass die – vor allem bei Passivhäusern – erforderlichen Mindestvolumenströme eingehalten wurden. Zugleich ermöglicht er eine Kontrolle bzw. Fernwartung der Anlage: Wenn Kontaktdaten in den Steuerungen hinterlegt werden, kann der Eigentümer bzw. der Dienstleister im Falle einer Störung benachrichtigt werden oder auch, wenn der ca . halbjährlich erforderliche Filterwechsel ansteht.

Quelle: DW | Die Wohnungswirtschaft Ausgabe 09/2013